Römischer Gutshof in Tarsdorf


ANTON HÖCK 
Für meinen Vater
 
Die Dorfgemeinde Tarsdorf mit den drei Katastralgemeinden Eichbichl, Hofstatt und Hörndl liegt im nördlichen Innviertel und ist von den Gemeinden St. Radegund im Westen, von Hochburg-Ach im Norden, von Geretsberg im Osten und von Ostermiething im Süden umgeben. Die Siedellandschaft des Gemeindegebietes ist im Norden vom ausgedehnten Weilhartsforst begrenzt. Geologisch gesehen ist der Bezirk Braunau eine sehr junge Landschaft, wobei die Gegend um Tarsdorf durch jungeiszeitlichen Moränenschotter geprägt ist. Gebildet von den Gletschermassen der Salzachgletscher kennzeichnen abgerundete Formen die Landschaft. Einprägsame Steigungen bzw. Gefälle sind das sichtbare Endergebnis der vom Gletscher beförderten Materialien, die als Endmoränenwälle bezeichnet werden. Einer dieser Wälle ist im Norden von Tarsdorf bei Hörndl zu sehen.
 
Ganz im Süden dieser langgestreckten Nord-Süd-gerichteten Katastralgemeinde wurde zwischen den Orten Hofweiden und Döstling in der Flur Unterfeld eine römische villa rustica ansatzweise archäologisch untersucht. Die Fundstelle liegt oberhalb einer Terrassenkante, die zugleich die Gemeindegrenze zwischen Tarsdorf und Ostermiething markiert (Abb. 1).

Abb01

Blick von Norden über die Fundstelle der römischen villa rustica von Tarsdorf

Im Volksmund tragen die Felder den Namen Peitelstein oder Baidlstoan. Der Grund dafür liegt möglicherweise bei den Grundmauern der römischen Ruine selbst, die wohl bei der Bewirtschaftung der Stelle als störend empfunden wurden.
 
Das Innviertel war zur Römerzeit Teil der Provinz Noricum, welche im Zuge der römischen Expansionspolitik etwa 16/15 v. Chr. dem Imperium Romanum einverleibt wurde. Dies geschah im Wesentlichen auf friedlichem Wege; das norische Königreich war mit Rom bereits durch einen Vertrag (hospitium publicum) verbunden, der die Gastfreundschaft zwischen den beiden Partnern regelte. Vor den Römern wurde das Gebiet vom Stamm der keltisch-norischen Alauni bewohnt, deren Zentrum im Alpenvorland bzw. rund um den Chiemsee lokalisiert wird.

Politisches und wirtschaftliches Zentrum war während der Zeit der römischen Herrschaft das municipium Claudium Iuvavum – das römische Salzburg - zu dessen Territorium auch die Siedellandschaft des oberen Innviertels zählte. Mit der Einrichtung der procuratorischen Provinz und der gleichzeitigen Verleihung des Stadtrechtes an Salzburg unter Kaiser Claudius (41–54 n. Chr.) war der Grundstein für den Ausbau des Landes gelegt. In der Folge entstanden an ausgewählten und siedlungsgünstigen Plätzen, bevorzugt in der Nähe von größeren Straßen oder auf sonnenseitigen Terrassen, landwirtschaftlich orientierte Gehöfte, so genannte villae rusticae. Diese sind besonders zahlreich im Flachgau und den nördlich und östlich daran anschließenden Gebieten zu finden. Nur wenige dieser Anlagen sind gut erforscht; von den meisten sind nur die Lage und mitunter Einzel- und Streufunde bekannt.
 
Der Begriff villa wurde in der Antike für ein Wirtschafts- und Wohngebäude außerhalb der Stadt verwendet. Ein Landgut wurde von den römischen Autoren als praedium oder fundus bezeichnet. Der Begriff villa rustica entstammt also dem modernen archäologischen Sprachgebrauch und meint eine landwirtschaftliche Produktionsstätte, die auf Gewinn ausgerichtet war. Eine Vielzahl an villae im Territorium der Städte bildeten das wirtschaftliche Rückgrat der jeweiligen Provinz. Funktionell entspricht die villa rustica dem modernen Aussiedlerhof.


Klassisch war das Ensemble mit Wohnhaus, einem Badegebäude und Wirtschaftsbauten, die von einer Hofmauer umschlossen wurden. Der Wohnbereich (pars urbana) war vom Wirtschaftsteil (pars rustica) getrennt, wobei das Wohnhaus (praetorium) zumeist zentral an oft erhöhter Stelle gelegen war. Der Grundriss des Hauptgebäudes hing vom Geschmack und Geldbeutel seines Besitzers ab; recht beliebt und weit verbreitet war die Risalitvilla (Bau mit Seitenflügeln).
 
Für den römischen Gutshof von Tarsdorf sind diese allgemeinen Tatsachen zwar vorauszusetzen, jedoch liegen nur wenige archäologische Aufschlüsse vor. Die gut gewählte Lage, nämlich der erhöhte Platz am Terrassenrand, der eine weite Fernsicht ins bayerische Land sowie bis zu den Salzburger Bergen gewährt, ertragreiche Böden, des weiteren die unmittelbare Nähe zu einem Bach - unerlässlich für das Bad - waren Voraussetzung für eine landwirtschaftlich orientierte und dabei wirtschaftlich rentable villa.
 
Obwohl diverse römische Siedlungen des südlichen Innviertels schon seit dem ersten Viertel des 19. Jahrhunderts beschrieben worden sind, ist bis in die 70er Jahre des 20. Jahrhunderts die Lage der villa rustica in der Flur Unterfeld nicht bekannt gewesen. Zwar schreibt schon 1824 B. Pillwein, dass man zu Untersteinbach „Einen sehr ausgebreiteten röm. Anbau, der sich vom Brunnbache zu Steinbach bis gegen Ostermiething erstreckt zu haben scheint“ aufgefunden hat. Dabei wurden „Hier große Strecken von Pflaster mit größern Flußsteinen, bedeutende Grundmauern, sogar zellenartig abgetheilt nach Art der röm. Kasernen, Bruchstücke von Mauerwänden, roth, gelb und grün übertüncht, eine Schale von terra sigillata, Urnen aus aschgrau gebrannter Töpfererde, rothgebrannte Lampentöpfe, Dachziegel mit verschiedenen Zierrathen, ganze Büschel von Menschenhaaren, heller, meistens aber dunkler Farbe, Wärmeschläuche ec.“ entdeckt.

Doch sind von dieser etwa 1,5 km südwestlich gelegenen Fundstelle bis heute keine weiteren Nachrichten bekannt geworden. Ob es sich dabei um einen weiteren Gutshof handelt, oder ob sich diese älteren Nachrichten von B. Pillwein auf die Fundstelle der villa rustica in der Flur Unterfeld beziehen lassen, kann heute noch nicht schlüssig beantwortet werden. Fest steht jedoch, dass aus den umliegenden Gemeinden weitere römische Villen bekannt sind, wovon die kaum näher bekannten Anlagen von Riedersbach und Kirchberg und die besser erforschte villa rustica beim bayerischen Ort Kay besonders erwähnt seien.
 
Die Erforschung der Tarsdorfer villa begann in den frühen 70er Jahren des 20. Jahrhunderts. Bei Feldbegehungen konnte mein in der Nähe von Steinbach geborener und dort aufgewachsener Vater in den als Anbauflächen für Mais bzw. Getreide genutzten Äckern des „Baidlstoans“ Ziegel und Keramikmaterial auflesen. Sein beherztes Heimatengagement veranlasste ihn in der Folge dazu, dort eine kleine Untersuchung vorzunehmen. Von dieser Schürfung ist jedoch sonst nichts weiter überliefert. Die Entdeckung der Fundstelle bzw. die Kenntnis darüber waren jedoch Anlass für eine im Zuge der Tarsdorfer Kulturtage mit dem Motto „Tarsdorf früher und heute“ durchgeführten und von der Gemeinde geförderten kleinräumigen Untersuchung.
 
Die Ausgrabungen von 1985 beschränkten sich auf die Freilegung bzw. Sondierung eines 20 m langen, parallel zur Grundstücksgrenze der Parzelle 1986 verlaufenden Suchschnittes und einer südlich daran anschließenden Fläche von 4 mal 5 m (Abb. 2).

Abb02

Steingerechter Grabungsplan der freigelegten Strukturen

Dabei konnten ein Raum mit Unterbodenheizung angegraben und eine Abfallgrube aufgedeckt werden.
Von dem Raum konnte die Breite von 5,7 m (Außenmaß) bzw. 4,5 m (Innenmaß) eruiert werden, von seiner Länge wurden nur 6,5 m (Außenmaß) erforscht (Abb. 3).

Abb03

Blick von Süden in den teilweise freigelegten hypokaustierten Raum, rechts die Steinrollierungen.

Mehrere Begehungen des nördlich benachbarten Feldes haben darüber hinaus gezeigt, dass sich auch dort Grundmauern befinden, sodass mit mehreren Räumen zu rechnen ist. Deutlich zeichnete sich bei den Begehungen auch ein Mauerzug ab, der in der Verlängerung der Westmauer des hypokaustierten Raumes lag und sich mindestens 13 m in die nördliche Parzelle verfolgen ließ!

Im gesamten freigelegten Innenraum befanden sich in regelmäßigen Abständen 40 mal 45 cm messende Tuffblöcke, die als Unterbau für eine Hypokaustheizung dienten. Die Tuffblöcke waren aus einzelnen Quadern von 15 cm Dicke errichtet, wobei maximal fünf dieser Quader übereinander zu beobachten waren. Dieser Unterbau war also mindestens 75 cm hoch und diente als Auflager für den Fußboden.
Zwei rechteckige Ziegelplatten mit einer Größe von 13,5 mal 20 mal 3 cm wohl des Fußbodens wurden noch in situ angetroffen; deren Oberkante befand sich etwa 90 cm über dem Bodenniveau des Hypokaustbodens. Damit lässt sich in etwa ein Bodenaufbau des Ziegelplattenbodens auf einem wohl wasserfesten Estrich von insgesamt 15 cm rekonstruieren. Zahlreiche der rechteckigen Ziegelplatten wurden im Schutt des Raumes angetroffen.

Eine stellenweise bis zu 10 cm dicke Aschenschicht auf dem Boden des hypokaustierten Raumes zeugte von den eigentlichen Heizvorgängen. Befeuert wurde solch ein Raum üblicherweise von außen, sodass die dabei entstehende heiße Luft durch den Unterboden zirkulieren konnte. Eine solche Vorheizstelle (praefurnium) wurde bisher nicht ergraben; sie dürfte sich aber weiter im Süden befunden haben.
Abgeführt wurde die heiße Luft meist mittels Hohlziegel (tubuli), die an den Wänden angebracht waren. Vom aufgehenden Mauerwerk und damit von den Wänden mit Hohlziegeln hatte sich nichts erhalten; jedoch stammen solche aus dem Schutt des hypokaustierten Raumes. Bei einem zur Gänze erhaltenen Exemplar konnte die Höhe von 29 cm, die Breite von 15 cm, die Tiefe von 10 cm bei einer Dicke von etwa 1,5 cm gemessen werden. Das seitliche Zugloch besitzt die Größe von 10 mal 6 cm. Die Oberfläche der Vorderseite war mit einem Kamm aufgerauht, sodass der Mörtel dort besser haften konnte.

Ein interessantes bautechnisches Detail hatte sich an den Innenwänden des hypokaustierten Raumes erhalten: dort wurde im Verputz die Verlegehöhe der einzelnen Tuffblöcke horizontal angerissen.
Die Wände des aufgehenden Mauerwerks waren mit verschiedenfärbiger Wandmalerei – zumeist in Rot – ausgemalt. Davon zeugen zahlreiche Putzfragmente, welche im Schutt aufgefunden wurden. Manche der Wandmalereistücke zeigen auch florale Elemente, und an einigen Exemplaren konnte der Ansatz einer Fensterlaibung festgestellt werden.

Ebenfalls im Schutt des Hypokaustraums aufgefunden wurde ein Auflieger eines Mühlsteins aus grauem Granit, der zum Mahlen von Getreide für die tägliche Ration Brot diente.
 
Unterbodenheizung, die Lage auf der Terrasse sowie die Ausstattung mit Wandmalerei erweisen, dass es sich bei dem aufgedeckten Raum um einen zentralen, wenn nicht sogar den eigentlichen Wohnraum des Hauptbaus der villa rustica handeln dürfte. Unklar bleibt, wie viele Räume sich im Norden bzw. Süden anschlossen.
 
Östlich dieses Raumes wurden zwei Streifen einer Steinrollierung aufgedeckt, die im rechten Winkel zur Nord-Süd-Mauer des Raumes verliefen. Dabei handelt es sich möglicherweise um die Kiesfundamentierungen von West-Ost-Mauern, die nicht so tief gegründet waren wie der weit in den Boden eingetiefte Hypokaustraum. Deren Funktion im baulichen Kontext der villa rustica bleibt ebenso wie eine quadratische Rollierung (Podest?) direkt östlich des Nord-Ost-Ecks des Raumes bis zur endgültigen Freilegung des Villenkomplexes unklar.
 
Eine weitere Besonderheit während der Ausgrabung von 1985 war die Entdeckung und Freilegung einer römischen Abfallgrube nur 5 m östlich des hypokaustierten Raumes. Diese gewährt Einblick in die materielle Hinterlassenschaft der Villenbewohner. Die 2,4 mal 1,2 m große Abfallgrube war etwa 0,5 m tief und barg eine Reihe zerbrochener Keramikgefäße, Funde aus Bronze und Glas sowie eine Menge Tierknochen.
Für die Datierung besonders wichtig war unter anderem eine silberne Münze (Denar; Durchmesser 1,6 cm) der Kaiserin Julia Mamaea, welche 229/231 n. Chr. in Rom geprägt wurde (Abb. 4).

Abb04


Denar der Kaiserin Julia Mamaea. Vorderseite mit dem Porträt der Kaiserin, links, und rechts, Rückseite mit der Darstellung der opfernden Göttin Juno, zu ihren Füßen ein Pfau.

Charakteristisch ist das geborgene keramische Inventar: zahlreiche Scherben von reduzierend gebrannten Gefäßen lassen sich der so genannten norischen Ware zuweisen. Diese hauptsächlich aus Töpfen und Schalen bestehende Keramikgattung weist typischen Kammstrichdekor in Form von Wellenlinien oder eingepunzte Stichelreihen an den Gefäßaußenwänden auf. Auch mehrere Scherben des Tafelgeschirrs – von Terra Sigillata – befanden sich in der Abfallgrube: sie stammen aus den Töpfereien von Westerndorf und Pfaffenhofen bei Rosenheim, wo dieses rot glänzende Geschirr im späten 2. und der ersten Hälfte des 3. Jahrhunderts n. Chr. fast schon industriell hergestellt wurde. Manche der Terra Sigillata-Gefäße zeigen auf der Außenwand Reliefdekor mit floralen Elementen. Einige sind mit Darstellungen aus der Tierwelt verziert. Eines der Tellerfragmente zeigt im Inneren noch den Stempel des Herstellers des Gefäßes: SA(TINVS). Dieser Töpfer hatte in der 1. Hälfte des 3. Jahrhunderts n. Chr. in Pfaffenhofen gearbeitet.

Zu den schönsten Kleinfunden aus der Abfallgrube gehört eine emailverzierte Bronzekapsel (Abb. 5).

Abb05

Aufsicht auf die emailverzierte Siegelkapsel aus Bronze

Sie diente zum Schutz eines Wachssiegels, welche zweiteilige – meist hölzerne – Schreibtäfelchen schützten. Die Rückseite der zweiteiligen, 3,1 cm langen Siegelkapsel zeigt drei Löcher, die zum Durchziehen der Schnüre dienten. Mit ihrer Hilfe wurden die Schreibtäfelchen miteinander verschnürt. Die Siegelkapsel kann somit als direktes Zeugnis der Kenntnis von Schreiben und Lesen am römischen Gutshof von Tarsdorf betrachtet werden.
 
Aufschluss über die Tierhaltung sowie die Ernährung bieten die aus der Abfallgrube stammenden Tierknochen. Wissenschaftlich zwar noch von keinem Archäozoologen untersucht, konnten jedoch in einer ersten Sichtung Rind, Pferd, Hirsch bzw. Wild und Schwein bestimmt werden. Man weiß vom untersuchten Tierknochenmaterial aus römischen Villen und aus den antiken Quellen, dass als Fleisch- Milch-, Käse- und Wolllieferanten Geflügel, Rinder, Schweine, Schafe und Ziegen gehalten wurden.

Daneben war aber auch die Aufzucht von Pferden und Maultieren von Bedeutung, die als Reit-, Zug- und Lasttiere gebraucht wurden. Zur Haustierhaltung gehörten Hund und Katze. Erlegt wurden die verschiedenen heimischen Wildtiere wie etwa Rothirsch, Reh, Damhirsch, Wildschwein, Bär, Elch, Wisent, Ur und Wolf. Daneben wurde auch Jagd auf den Biber und Fischotter gemacht. Fischen, der Vogelfang und die Bienenzucht kamen ebenso nicht zu kurz.
 
Die im Anschluss an die Grabungen durchgeführten, fast jährlichen Begehungen haben noch weitere Erkenntnisse zur villa rustica erbracht. So kann aufgrund der Anhäufung römischer Ziegel etwa 50–60 m östlich des hypokaustierten Raumes ein weiteres mit Ziegeln gedecktes Gebäude angenommen werden. Vielleicht handelt es sich dabei um das Bad (balneum)? Diese Gebäude wurden freistehend und etwas abseits des Wohnhauses konzipiert und dort platziert, wo auch frisches Wasser zugeleitet werden konnte: beides Voraussetzungen, welche dieser Standort erfüllen würde.
 
Jüngste Begehungen durch Dorothea Mair und den Autor selber haben einen weiteren Fund von der villa rustica von Tarsdorf erbracht: Eine aus dem umgeackerten Boden des nördlichen Feldes stammende Fibel gibt uns einen Einblick in die lokale Tracht (Abb. 6).

Abb06

Bronzefibel vom Areal der villa rustica

Die kräftig profilierte Bronzefibel ohne Stützplatte gehört zu einem hauptsächlich an der mittleren Donau verbreiteten Typ (Almgren 83), der in das 2. Jahrhundert bis Anfang des 3. Jahrhunderts n. Chr. datiert. Solche Fibeln dienten im Allgemeinen dazu, das Gewand auf der Schulter zusammenzuhalten. Beim vorliegenden Exemplar bleibt unklar, ob es zur Frauen- oder Männertracht zu rechnen ist.
 
Eng mit der Tarsdorfer villa rustica zu verbinden, ist ein heute an der Nordseite des Glockenturmes der Pfarrkirche eingemauerter Grabstein aus Untersberger Marmor (Abb. 7).

Abb07

Ansicht des römischen Grabsteins der Lollia Pocca

Der zufällig 1809 im Glockenturm entdeckte Stein wurde laut seiner Inschrift von Lollia Pocca zu Lebzeiten für sich, ihren mit 50 Jahren verstorbenen Gatten Viator, ihren mit 30 Jahren verstorbenen Sohn Annonus und ihre Nachkommen errichtet. Die Familie der Lollier ist im nördlichen Noricum gut bekannt: Bei Lollia Pocca dürfte es sich um eine freigelassene Sklavin gehandelt haben, die einen Einheimischen ohne Bürgerrecht geheiratet haben wird; weder für ihren Gatten noch für ihren Sohn wird ein römischer Familienname angegeben. Es ist zu vermuten, dass der etwa in der ersten Hälfte des 2. Jahrhunderts n. Chr. gesetzte Grabstein nicht allzu weit von seinem ursprünglichen Aufstellungsort verschleppt wurde und in Folge als Baustein für die Pfarrkirche diente. Da bis dato die villa rustica vom „Baidlstoan“ der nächstgelegene römerzeitliche Fundort ist, kann die Familie um Lollia Pocca als eine der Betreiber des Gutshofes angenommen werden.
 
Anfang und Ende der römischen Villa von Tarsdorf lassen sich schlussendlich aufgrund der Kleinfunde nur annähernd umreißen. Als älteste Funde stammen bisher nur wenige Scherben von spätsüdgallischer Terra Sigillata der ersten Hälfte des 2. Jahrhunderts n. Chr. aus dem Villenareal. Diese lassen sich mit der approximativen Datierung des Grabsteins der Lollia Pocca korrelieren. Damit fällt der derzeit anzugebende Beginn der villa rustica in eine Zeit der wirtschaftlichen Blüte des römischen Reiches. Man weiß inzwischen aus diversen anderen Untersuchungen, dass die Aufsiedlung des Stadtterritoriums von Iuvavum bereits ab der Mitte des 1. Jahrhunderts n. Chr. erfolgte.

Für die villa rustica von Tarsdorf kann dies zwar vermutet werden, doch lässt sich dies ohne weitere feldarchäologische Forschungen heute noch nicht beweisen. Für das Ende der villa rustica sind etwas bessere Daten anzuführen: Die Verfüllung der Abfallgrube fällt ziemlich sicher in die Endphase der Benützung des Gutshofes. Mit dem Denar der Julia Mamaea (229/231) ist ein gut datierbarer Einzelfund aus der Abfallgrube erhalten. Aber auch die weiteren Fundobjekte daraus lassen sich grob in die 1. Hälfte des 3. Jahrhunderts n. Chr. datieren.

Forschungen im nördlichen Innviertel haben ergeben, dass dort die meisten der untersuchten Anlagen bis in die 30er Jahre des 3. Jahrhunderts n. Chr. in Betrieb waren und wohl im Zuge der beginnenden Alamanneneinfälle zugrunde gingen und von ihren Bewohnern verlassen wurden. Die aus der Grube stammenden Sigillatagefäßfragmente aus Pfaffenhofen lassen nun aber auch den Schluss zu, dass mit dem Ende des Gutshofes von Tarsdorf möglicherweise auch erst im Zuge der Alamanneneinfälle von 259/260 zu rechnen ist. Denn auch das Ende der Produktion der Sigillata-Töpferei von Pfaffenhofen ist mit großer Wahrscheinlichkeit auf diese kriegerischen Ereignisse zurückzuführen. 
 
Hinweis
Die wichtigsten Funde aus der villa rustica sowie zwei Tafeln, die über die archäologischen Funde von der Jungsteinzeit bis zur Römerzeit aus dem Gemeindegebiet von Tarsdorf informieren, sind in einer Vitrine im Gemeindeamt Tarsdorf ausgestellt und können während der Öffnungszeiten besichtigt werden. Nähere Auskünfte sind am Gemeindeamt Tarsdorf, 5121 Tarsdorf 160 (Tel. +43/6278/8103/0), einzuholen.
 
Wiederabgedruckt mit weiterführender Literatur in: Das Bundwerk 25, 2010, S. 69–76.
 
Bildnachweis: Alle Bilder vom Verfasser.
  Abbildungsunterschriften
 
Abb. 1: Blick von Norden über die Fundstelle der römischen villa rustica von Tarsdorf.
Abb. 2. Tarsdorf. Steingerechter Grabungsplan der freigelegten Strukturen.
Abb. 3. Tarsdorf. Blick von Süden in den teilweise freigelegten hypokaustierten Raum, rechts die Steinrollierungen.
Abb. 4. Tarsdorf. Denar der Kaiserin Julia Mamaea. Vorderseite mit dem Porträt der Kaiserin, links, und rechts, Rückseite mit der Darstellung der opfernden Göttin Juno, zu ihren Füßen ein Pfau.
Abb. 5. Tarsdorf. Aufsicht auf die emailverzierte Siegelkapsel aus Bronze.
Abb. 6. Tarsdorf. Bronzefibel vom Areal der villa rustica.
Abb. 7. Tarsdorf, Pfarrkirche. Ansicht des römischen Grabsteins der Lollia Pocca.
 
Mag. Anton Höck, Pradler Straße 49/5, 6020 Innsbruck